Stille Wasser sind still
“Ich will doch nur das du glücklich bist” ,sagt mein Vater.
Wieso den ausgerechnet die eine Sache, bei der ich mir selbst nicht helfen kann.
Heute Nachmittag war mir gar nicht mehr dazu eingefallen. Wie es dann so ist, trifft es mich mit geschlossenen Augen und der kleinen Hoffnung morgen doch früher aufstehen zu können. Noch höre ich das leise Surren meiner Nachttischlampe und spüre das gelbe Licht auf meinen Augenlidern. Schlafen wäre ja zu einfach - wieso nicht noch etwas grübeln. Meinem Vater geht es gut, kann sich ja “nicht beklagen”, ja das hat er so gesagt. Wissend, dass ich Emotional kaum mehr aus ihm rauskriegen werde, habe ich es faktischer Probiert.
“Was hast du den heute gemacht? Was machst du morgen? Hat dir was heute besonders gefallen?” , frage ich.
“Ach du, da fragst du was“, sagt er, “Manchmal ist das Leben nicht so aufregend, ich war arbeiten und gehe gleich zum Chor“.
Er vergisst mir zu erzählen, dass er heute ein schöne Unterhaltung auf spanisch hatte. Genauso erwähnt er nicht das Mittagessen, dass Ihn an seine Kindheit erinnert hat oder die Freude, die er empfunden hat, als er meinen Namen auf seinem Handy gesehen hat. Mittlerweile weis ich, wie sein Sein funktioniert. Stoisch macht er was von Ihm erwartet wird und wenn dann noch Zeit ist geht er seinem Haufen an Hobbys nach. Zu erzählen gibt es meistens viel, wenn er doch nur wüsste, wie anders sein Verständnis der Welt ist und wie aufregend seine Gedankenwelt ist. Doch den Drang mitzuteilen hat er nicht. Seit fünf Jahren probiere ich mehr aus Ihm rauszukriegen als das nötige, um echte Unterhaltungen zu führen. Nicht nur das zu sagen, was erwartbar war. Nicht nur gefragt zu bekommen, wie es dein beim Arbeiten war oder, ob ich den noch einen Master machen will.
“Ich habe jemanden kennengelernt Papa“, sage ich. “Ah gut“, antwortet er. Ich versuche Augenkontakt herzustellen aber er schaut gerade aus. Kurz bevor ich die Stille breche fragt er doch “Und wo?”.
Ich habe ihm noch nie von meinem Liebesleben erzählt.
“Auf einer WG-Feier - von einem Freund, ich habe Sie noch nie davor, sie studiert Medizin, kommt aus Hamburg. Wir hatten letzte Woche ein super schönes Date!”, sage ich.
“Das klingt doch gut“, antwortet Papa und hat keine weiteren Fragen.
Das war vor vier Jahren. Er hatte wenig Kontakt zu seinen Eltern, wie ich von seinem Kindheitsfreund erfahren habe. Sie haben Ihn viel ignoriert, seine Freunde mussten die Eltern Siezen. Er hat noch zwei ältere Geschwister mit denen er wenig redet. Meine Großeltern waren noch geprägt von den Erziehungsmethoden der Nazis- Johanna Haarer hat hier ihr Unwesen getrieben. Mein Vater hatte nie die Chance eine emotionale Bindung zu seinen Eltern aufzubauen. Er hat schon als Baby gelernt, dass ihm keine emotionale Unterstützung geboten wird. Bestrafungen aber gab es und das genau für seine Emotionen.
“Ich habe mich so schlecht gefühlt, Papa, tut mir leid das ich nicht geantwortet habe. Jetzt geht es mir aber ein bisschen besser“, sage ich.
“Das ist gut, also das es dir besser geht“, sagt er und verstummt.
Ich verkneife mir, genauer zu definieren, wie schlecht es mir ging und erzähle Ihm von meinen Klausuren.
Zum Abschied sagt er, “Denk dran, immer Glücklich, immer machen!“.
Er glaubt fest da dran. Wo dran denn auch sonst. Es ist das einzige was ihm geholfen hat und er hat so viel gemacht. Geliebt habe ich mich von Ihm immer gefühlt, nur gesagt hat er es nie. Bis zu meinem Auszug hat er mich jeden morgen geweckt. Extra früher aufgestanden ist er, um mir mein Brot zu machen. Wenn ich dann grummelig zum Tisch gekommen bin hatte er mir schon meinen Kaffee an den Tisch gestellt. Während ich diesen getrunken habe, hat er mir Brote und einen Apfel für die Schule vorbereitet. Damals habe ich das als gegeben genommen, habe mich sogar beschwert, wenn zu viel Butter auf meinem Brot war. Wenn er um acht nach Hause gekommen ist, habe ich ihn oft um Hilfe bei meinen Hausaufgaben gebeten und er hat immer die Zeit gefunden. Er hat nie die Computerspiele gemocht, die ich gespielt habe, aber als mein Computer nicht mehr funktioniert hat und ich einfach keine Lösung gefunden habe, wusste ich, dass ich ihn fragen konnte. Er meinte er guckt sich das noch vor dem Einschlafen an. Am nächsten Morgen hat er mich wie immer geweckt und mir den PC wieder funktionstüchtig unter den Schreibtisch gestellt. Ich habe es kaum bemerkt und bin, wie immer, etwas zu spät, zu Ihm runter gelaufen, um mein Frühstück einzunehmen.
Er weis wie es sich anfühlt keine Hilfe zu bekommen - alleine gelassen zu werden. Seinen Kindern wollte er dieses Gefühl nie geben. Auch wütend habe ich ihn noch nie erlebt- nur traurig war er, wenn es mir oder meiner Schwester nicht gut ging. Doch für Ihn ging eine enge Beziehung zu seiner Familie selten weiter, als das bloß Faktische. Alles drüber hinaus hat sich nicht gehört und das Gegenteil hat er nie bewiesen bekommen. Mein Vater steht an der Seite meines Lebens, er schaut zu, er hilft, wenn nötig, aber er mischt sich nicht ein. Das ich mir sein Einmischen wünsche, kann er sich kaum vorstellen. Ich will seine Meinung zu meiner Freundin hören. Er darf fragen, wie mein letzter streit war, ob ich verliebt bin oder warum es mir so schlecht ging. Sein Teilhabe bedeutet mir viel aber die Grenzen seiner Kindheit sitzen fest verankert in den versteckten Tiefen seiner Psyche.
Vielleicht wird er immer mein See bleiben, still zuschauen, sich für mich still freuen und seine Welt im dunklen lassen. Doch noch probiere ich, ein wenig Turbulenz in die sonst flache Oberfläche zu bringen.
Lieb dich Papa.